In der Kritik: IGel-Monitor verunsichert Patienten

09.03.2015 14:00  Von: Martin Meyer

Schon im letzten Blog-Beitrag wurde der sogenannte „IGel-Monitor“ erwähnt, ein Internet-Portal, das vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. finanziert wird. Die Betreiber des IGel-Monitors – der seit drei Jahren im Netz ist – möchten nach eigenen Angaben über Schaden und Nutzen von individuellen Gesundheitsleistungen informieren: „Individuelle Gesundheitsleistungen auf dem Prüfstand“ lautet daher der Leitsatz. Doch hält dieses Portal, was es verspricht? Geht es den Kassen wirklich darum, die Versicherten seriös, unvoreingenommen und umfassend zu informieren?


Nur ein Bruchteil der IGel-Leistungen wird bewertet


In der letzten Zeit gerät der IGel-Monitor bei Ärzteverbänden und Patienten immer mehr in die Kritik – und das zu Recht. Betrachten wir den IGel-Monitor einmal genauer, so fällt auf, dass von den Hunderten existierenden IGel-Leistungen lediglich 37 Leistungen gelistet werden. Die Kriterien, nach denen diese IGel zur Bewertung ausgewählt wurden, werden zudem nicht kommuniziert. Der Präsident der Bundesärztekammer Prof. Frank Ulrich Montgomery vermutet daher eine „rein politisch motivierte Auswahl“.


Dieser Verdacht liegt tatsächlich nahe, denn von allen analysierten Untersuchungs- und Behandlungsmethoden werden 16 als „negativ“ oder „tendenziell negativ“ bezeichnet. Bei 13 Angeboten ist der Nutzen angeblich „unklar“, weil die Studienlage nicht eindeutig war oder sich Nutzen und Schaden einer IGeL angeblich aufwiegen. Nur vier der Leistungen werden als „tendenziell positiv“ bewertet, hierzu gehören:



  • die „Akupunktur zur Migräneprophylaxe“,

  • die „Laser-Behandlung von Krampfadern“ (verglichen mit einem chirurgischen Eingriff),

  • die „Lichttherapie bei saisonal depressiver Störung“ und

  • die „Stoßwellentherapie bei plantaren Fersenschmerzen“.


Scharfe Beurteilung verunsichert Versicherte


Unklar bleibt jedoch, so Frank Montgomery, welche Experten die Redakteure des IGel-Monitors bei der Bewertung unterstützt haben oder wer noch an der Recherche und Bewertung beteiligt war. Von der selbst gepredigten Transparenz des Portals fehlt hier jede Spur. Eventuelle Interessenkonflikte bleiben den Versicherten verborgen. Aber wie sonst ist es zu erklären, dass bisher keine einzige IGel-Leistung eine eindeutig positive Bewertung bekam? Aus Sicht der Kassen wäre dies selbstverständlich höchst unwillkommen, denn dann kämen sie in die Erklärungsnot, warum eine bestimmte Leistung, wenn sie denn nachgewiesen sinnvoll ist, nicht von den Krankenkassen übernommen wird. Der IGel-Monitor betrachtet die Zusatzleistungen daher in einem extrem kritischen Licht, welches nicht zu einer Vertrauensbildung, sondern eher zu einer Verunsicherung der Versicherten führt.


Als Beispiel sei hier die Glaukom-Früherkennung genannt. Der Berufsverband der Augenärzte hält ein Glaukom-Screening, bestehend aus der Augeninnendruckmessung und einer Beurteilung des Sehnervenkopfes für Menschen ab 40 als äußerst wichtig, denn die Dunkelziffer nicht erkannter Glaukomerkrankungen ist nach wie vor unzumutbar hoch. Der Igel-Monitor argumentiert, dass die Leitlinie, auf die sich der Berufsband beruft, jedoch „wissenschaftlich schwach fundiert“ sei, da sie „nur“ auf der Erfahrung der beteiligten Experten beruhe. Fakt ist jedoch: Das Fehlen von Studien, die den Nutzen einer Therapie eindeutig belegen, bedeutet nicht gleichzeitig, dass die Therapie nutzlos ist. Der IGel-Monitor wirbt mit dem Vorhaben, den Versicherten Transparenz und Orientierung zu bieten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Viele Patienten werden durch diese Information möglicherweise um die Chance einer Früherkennung des Glaukoms gebracht. Ist die jahrelange Erfahrung vieler Augenärzte etwa nichts wert, nur weil es keine passende Studie gibt?


IGel als Chance sehen


Vor diesem Hintergrund sollte man sich ebenfalls vor Augen führen, dass vieles, was heute Kassenleistung ist, ursprünglich eine Selbstzahlerleistung war, wie z. B. die Hautkrebsvorsorge oder die Mammographie. Zudem lohnt sich auch der Blick über den Tellerrand: In Frankreich und Österreich ist beispielsweise der als negativ bewertete Toxoplasmose-Test für Schwangere eine Kassenleistung. Seit der Einführung Mitte der 70er Jahre konnten so laut Angaben der österreichischen Gesundheitsbehörde mehr als 5000 Kinder vor dieser Infektion bewahrt werden. Andere Länder kommen also durchaus zu anderen Bewertungen als der IGel-Monitor, dessen scharfe Kritik eher bevormundend als beruhigend auf den Patienten wirkt.


Zum Glück sind die Patienten (noch) in der glücklichen Lage, alternative oder verbesserte Methoden in Anspruch nehmen zu können, wenn sie dies möchten. Diese Rechte des Patienten auf Mitbestimmung sollten gestärkt werden, um die Therapievielfalt und die Wahlfreiheit zu wahren. Wer IGel-Leistungen jedoch verbieten will oder einschränken (z. B. durch eine 24-stündige Sperrfrist zwischen IGel- und Kassenleistung) möchte, der schürt eine Misstrauenskultur gegenüber den Ärzten.


Patienten sind zufrieden mit Zusatzleistungen


Eine Generalkritik an IGel-Leistungen hilft keinem Patienten weiter, zumal die Patienten Zusatzleistungen vermehrt nachfragen und in der Regel überaus zufrieden mit den Angeboten sind, was die aktuelle Studie der Techniker Krankenkasse belegt, die im Blog-Artikel von letzter Woche erwähnt wurde.


Auch wenn man sich die Besucherzahlen des Internet-Portals IGel-Monitor einmal genauer ansieht, wird deutlich, dass es bei weitem nicht so viele unzufriedene Patienten gibt, wie es der Medizinische Dienst gern glauben machen möchte. In den drei Jahren ihres Bestehens hatte die Webseite 2.000.000 Besucher, dabei aber nach eigenen Angaben nur 460 negative Äußerungen von Patienten per E-Mail. Das ist gerade einmal jeder 4347. Besucher oder anders ausgedrückt: Nur 0,023 % aller Besucher haben sich über Zusatzleistungen negativ geäußert. Diese Zahlen sind lächerlich wenig und bestätigen einmal mehr, dass es kaum Menschen gibt, die mit den Zusatzleistungen derart unzufrieden sind, wie allgemein dargestellt wird. Dennoch wird in den Medien ein wahrer Kampf gegen die IGel-Leistungen geführt – letztendlich auf Kosten der Patienten, die durch lückenhafte Informationen verunsichert werden.


Um in Zukunft eine ausgeglichene Berichterstattung zu ermöglichen, wären beispielsweise Studien interessant, welche die Patienten konkret befragen, ob eine Zusatzleistung die Erwartungen erfüllt hat. Ich bin mir sicher, dass hier viele positive Antworten zu erwarten wären. Auch sollten die Versicherten eine Möglichkeit erhalten, sich ebenso über die Kassenleistungen zu äußern. Anstatt einer aufgeblähten Kritik über vermeintlich schlechte IGel-Leistungen, hätten dann auch endlich die tatsächlich Unzufriedenen eine Chance, ihrem Ärger Luft zu machen.


Sie können negativer Kritik entgegenwirken, indem Sie Ihre Patienten selbst darüber informieren, welche Leistungen Sie als Arzt für sinnvoll halten und welche nicht. Mit Praxisflyern, Postern und Wartezimmer-TV haben Sie die richtigen Medien dafür in Ihrer Praxis.


Ihr Martin Meyer

Martin Meyer

Geschäftsführer von Meyer-Wagenfeld

Seit über 10 Jahren leite ich als Unternehmer der dritten Generation Meyer-Wagenfeld. Meine Mission war es, den Wandel von einer Formulardruckerei zu einem modernen Dienstleister für Praxismarketing zu schaffen. Und jetzt macht es Spaß mittendrin zu sein.


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